Initiative Haubrich-Forum too late Das Loch European Kunsthalle

Kölner Extrablatt Zur Geschichte und Situation des Josef-Haubrich-Hofs

22.06.2002. Text zum geschichtlichen Hintergrund und zur Situation des Josef-Haubrich-Hofs von Lilian Haberer. Abgedruckt im "Kölner Extrablatt".

1. Zur Problematik

Seit dem im Dezember 1996 entschiedenen Wettbewerb zu einem Neubau des Rautenstrauch-Joest-Museums (RJM) mit 5 weiteren Nutzern am Neumarkt (Kunstverein, Kunsthalle, Verwaltung Schnütgen-Museum, Museumsdienst, VHS), den die Braunschweiger Architekten Schneider + Sendelbach gewannen, sind 6 Jahre vergangen. Im Jahr 1998 ging man nach mehrfachen Modifizierungen des Entwurfes noch von einem Baubeginn im Jahr 2002 aus, doch erst im Juni 2001 wurden nach einer weiteren Bestätigung der Politiker, dass der Neubau Priorität habe, der Baubeginn für Sommer 2002 veranschlagt.

Dieser lange Zeitraum bis zu ersten Realisierungsschritten zeigt, dass eine Vielzahl von Faktoren und berechtigten Einwänden, vor allem von finanziellen Schwierigkeiten des Landes und der Stadt bis hin zu der Unzufriedenheit der Nutzer des Neubaus, eine Umsetzung des Projektes immer wieder in Frage stellten. Möglicherweise stünde der Abrisstermin des Josef-Haubrich-Forums für den Neubau heute noch nicht fest, wären nicht seitens der Stadtpolitiker im letzten Jahr erneute Bemühungen ausgegangen, das Projekt zu verabschieden, da die hohe Landeszuwendung über lange Zeit nicht gesichert schien, zumal der Neubau mittlerweile über 130 Mio. Mark kosten soll.

Ein genauer Rückblick auf die gesamte Problematik des Neubaus mit ihren kulturpolitischen Verwicklungen ist - auch wenn der Abriss unmittelbar bevorsteht - nach wie vor sinnvoll und wichtig, da bisher einige wichtige Details unkommentiert und unberücksichtigt blieben, die das gesamte Bauvorhaben in Frage stellen können. Diese Versäumnisse jetzt nachzuholen, kann nicht als "zu spät" bezeichnet werden, da es um wichtige städtebauliche und kulturpolitische Entscheidungen geht, die zu bewerten auch im Nachhinein für aktuelle und zukünftige stadtkulturelle Fragen und Konsequenzen von Bedeutung sind.

 

2. Entscheidungen vorab

Der Beginn der Schieflage für den gesamten Komplex am Neumarkt mit weit reichenden Folgen liegt in der Verquickung von zwei kulturpolitisch völlig unabhängigen Entscheidungen: zum einen für den Neubau des Rautenstrauch-Joest-Museums (RJM) am Neumarkt und zum anderen für den Abriss des Josef-Haubrich-Forums des Architekten Franz Lammersen. Denn das Forum mit der seit seiner Entstehung 1967 durch den Kunstmarkt und für das aktuelle Kunstgeschehen wichtigen Ausstellungen bedeutsam gewordenen Kunsthalle wurde im Ausschreibungstext ohne weitere Diskussion zum Abriss freigegeben (laut Information eines ehemaligenZuständigen aus dem Hochbauamt). Ein ungeheuerliches Procedere: ohne Ankündigung und Erläuterung wird ein für die Stadt Köln bereits kulturhistorisch relevantes und auch für aktuelle Ausstellungen brauchbares Gebäude, ein Zeitzeugnis der 60er-Jahre, ein durchaus markanter und mittlerweile von den Bürgern anerkannter Bau ohne die Öffentlichkeit einzubeziehen zum Abriss freigegeben. Der Gebäudekomplex stand nur deshalb nicht unter Denkmalschutz, weil das dazugehörige VHS-Gebäude zwischenzeitlich modifiziert worden war.

Nur eine geringe Anzahl der Wettbewerbsteilnehmer hatte das Gebäude in den eigenen Entwurf mit einbezogen, jedoch wurden diese Entwürfe nicht berücksichtigt, zumal ein Neubau planerisch einfacher umsetzbar ist, da man sich nicht an bestehende Paradigmen halten muss. Allein diese Entscheidung mutet schon seltsam an, vor allem, da in sämtlichen Statements der Presse immer das RJM im Vordergrund stand und die Belange der Kunsthalle wie auch des Kölnische Kunstvereins, die ja dem Neubau zum Opfer fielen, von Beginn an nur in einem Nebensatz erwähnt wurden.

Marie Hüllenkremer, 1998 noch Redakteurin des Kölner Stadt-Anzeiger, weist in einem Kommentar unter dem Titel "Protest" darauf hin, dass die Kunsthalle dem Neubau des RJM eh schon zum Opfer falle - "ein Verlust, dessen Ausmaß noch nicht abzusehen ist". Als Kulturdezernentin steht sie heute auf der Gegenseite und ist wesentlich an der Beschleunigung des Realisierungsprozesses von Abriss und Neubau beteiligt.

 

3. Gründe für die Standortwahl

Als Nächstes lohnt sich ein genauer Blick auf die Hintergründe des Standortes am Neumarkt, also die Gründe, welche letztendlich zum Wettbewerb und dem geplanten Abriss führten: In Aussagen von SPD und CDU wird mehrfach deutlich, dass man sich für den "Brennpunkt am Neumarkt" (Platz vor dem haubrich-Hof und der Stadtboibliothek), der lange Zeit als Drogenumschlagplatz galt, eine "saubere" städtebauliche Lösung wünschte und sich eine Dynamisierung des Umfeldes erhoffte. Also wurde eine schon lange ausstehende Entscheidung für ein neues Gebäude des RJM mit der konkreten Notwendigkeit, einen Platz soziopolitisch neu zu definieren, verbunden.

Werner Strodthoff, Redakteur des Kölner Stadt-Anzeiger, steht ganz auf der Seite des Neubaus. Er nannte in einem Kommentar dasselbe Argument der Politiker für den Standort: "Das Projekt soll schließlich auch dazu verhelfen, den städtebaulich und diesen allzu dürftigen Zuschnitt des Areals am Neumarkt endlich vergessen zu machen."

Ausserdem wurde in Aussagen beider Parteien von 1997 deutlich, dass mit dem RJM-Neubau am Neumarkt und dem neuen WRM eine "Museumsmeile" geschaffen werden sollen, die der CDU-Politiker Rolf Bietmann als in "Europa einzigartige Kulturlandschaft" bezeichnete und diese Entscheidung als einen "kulturpolitisch ungeheuer wichtigen Akzent" sah. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass trotz finanzieller Engpässe und hoher Folgekosten, die in den gesamten Stellungnahmen nie genannt werden, unbedingt ein Neubau favorisiert wurde. Rolf Stärk, der kulturpolitische Sprecher der Grünen, äußerte sich 1998 dazu dergestalt, dass Museumspolitik in Köln immer mit Neubaupolitik verwechselt worden sei und konstatierte bereits damals: "wenn das Land die Fördermittel streicht, liegt darin die Chance, die Attraktivität der Museumslandschaft durch ein neues Konzept zu verbessern." Leider wurde diesen vereinzelten Stimmen kein besonderes Gehör geschenkt, so wichtig war den Politikern, diese Lösung am Neumarkt durchzusetzen. Sogar die von der Stadt in Auftrag gegebene McKinsey-Studie für die Kölner Museen, die von einem Neubau des RJM aus finanziellen Gründen abriet, fiel bei dieser Entscheidung nicht ins Gewicht. Dezernent Bela Dören teilte im Juni 1998 mit, dass ohne den Neubau eine Aufwertung des Ortes nicht zustande kommen könne und präzisiert das in erster Linie politische Interesse an der Umsetzung sehr prägnant: Köln könne sich eine Aufgabe des Projektes nicht leisten, da es in politischer Hinsicht darum fürchte, seine Glaubwürdigkeit zu verlieren ("wie stünden wir denn da"). An diesen Äußerungen wird deutlich, dass es den Politikern von vorneherein nicht um die inhaltlich beste Lösung geht, die von Seiten der Fachleute und Fachpresse mehrfach formuliert worden war, sondern in erster Linie um ein Großprojekt, das städtebaulich als die "saubere" Lösung angesehen wird und von dem sich Politiker ein "Highlight" (SPD/CDU) versprechen und dabei den politischen mit dem inhaltlichen Aspekt verwechseln. Denn ob ein RJM (das notgedrungen mit zwei Instituten verbunden wird, die durch den Neubau ihre eigene Räumlichkeiten verlieren) an dieser Stelle sinnvoll ist, wenn es ein eigens für die bedeutende Sammlung des RJM gebautes Museum gibt, das nur renoviert werden müsste, ist schon eine von den Politikern im Vorfeld nicht beachtete entscheidende Frage.

 

4. Kritisierte Planung

Ein Blick lohnt sich auf die Planung und die Stimmen zum Entwurf der Braunschweiger Architekten Schneider + Sendelbach, da die Debatte um den Entwurf nicht nur die Haltung der Politiker zum gesamten Projekt verdeutlicht, sondern auch eine erstaunliche Inkohärenz in den Aussagen über den Entwurf herrscht:

Nach dem Wettbewerbsgewinn der Braunschweiger Architekten, der im übrigen einstimmig prämiert wurde, obwohl er den unter Denkmalschutz gestellten Schnütgen-Museumsanbau des Architekten Karl Band aus den 50er-Jahren im Entwurf durch einen Glaskubus ersetzt, sind nach Bericht des Kölner Stadt-Anzeiger zuerst enthusiastische Stimmen im Hinblick auf die Raumgestaltung zu hören. Kurze Zeit später wurden jedoch viele Aspekte bemängelt: zum einen die kompakte, massive Gestalt des Dreischeibenhauses wie auch die Fassade selbst, welche den Instituten wenig Tageslicht verleiht sowie auch ein das städtebauliche Umfeld sehr dominierender Baukörper. Der Entwurf sollte daraufhin von den Architekten mehrfach modifiziert werden. Bemerkenswert ist zudem, dass die gebrannten Ziegel, welche - wie Schneider + Sendelbach in ihrem Konzept erläutern - an das römische Köln erinnern sollen (eine innerhalb Kölns nicht gerade tiefgründige, weil überstrapazierte Symbolik), von keiner Seite als inhaltlich unpassend angesehen wird, obwohl dieses Argument für die Fassadenwahl bei keinem der Nutzer, die sich der zeitgenössischen, mittelalterlichen, und ur- und frühgeschichtlichen Kunst widmen, etwas mit dem römischen Köln zu tun hat.

Zudem sprachen die Politiker von vorneherein von "Synergieeffekten" der einzelnen Institute, obwohl diese Aussagen aufgrund der Gegebenheit, dass es in erster Linie um das RJM ging, ziemlich unglaubwürdig klingen. Darüber hinaus bleibt die Frage, wie diese Synergieeffekte zwischen Instituten mit völlig unterschiedlichen kulturellen Aufgaben und Konzepten aussehen soll, ein Einwand, der Kulturpolitikern eigentlich in höchstem Maße bewusst sein sollte. Bei den "Synergieeffekten" entsteht der Eindruck, es handle sich um eine gut gehegte, kulturpolitisch strapazierte Floskel.

 

5. Protest von KVV und RJM

Eine andere Problematik äußerte der Kölnische Kunstverein (KVV) in einem 1998 vehement geführten Protest, da die Architekten dieses traditionsreiche Institut von einem der schönsten Kunstvereinsräume Deutschlands in einen Keller ohne Tageslicht platzieren und ihm viel weniger Wandfläche zugestehen wollten. Erhebliche räumliche Nachteile ergaben sich auch für das RJM und für die Kunsthalle. Zudem wurden alle Institute wie in einem Kaufhaus übereinander platziert.
Der offene Brief von Gisela Völger und Udo Kittelmann von April wurde erst im Juni veröfffentlicht kam, ein Zeichen, für die Beeinflussung der kritischen Stimmen durch Politik und Presse (vor allem des Kölner Stadt-Anzeigers ausgenommen die Redakteurin Amine Haase). Darin stellen die beiden Institutsleiter die berechtigte Frage: "Es ist kaum verständlich, dass die Architekten weder die Belange des Museums noch die Interessen des Kunstvereins ausreichend berücksichtigt haben...Man fragt sich allerdings, wie ein Entwurf (gegen das Votum der Nutzer) den Wettbewerb gewinnen konnte, der strukturell so wenig geeignet für eine multifunktionale Nutzung ist". Die Reaktion von politischer Seite - statt auf die berechtigte Fachkritik einzugehen, die im übrigen auch von der überregionalen Presse (FAZ, SZ, Kölnische Rundschau, StadtRevue, Art etc.) kam - ist , dass diese Debatte für die neue Museumskonzeption schädlich sei. Unverständlich ist auch die Reaktion von Hochbaudezernent Bela Dören, der offenbar nicht den richtigen Ton trifft: "die Erklärung sei sehr unglücklich", der Streit gehöre jedoch zum Erlebniswert einer Großstadt." Alfred Nemeczek nannte in der Art die Entscheidung, den KVV im Keller unterzubringen ein "zynisches Trauerspiel", dass sich die Stadt leiste.

Andreas Rossmann von der FAZ äußert sich zu der Aussage mit der schädlichen Debatte dergestalt, dass die Debatte zu dem Ergebnis gelangen könne, "dass es besser ist, auf den Neubau zu verzichten. Ein Argument, sie deshalb lieber nicht zu führen, aber kann das nicht sein. Denn mit einem Haus, in dem sich - mit der Josef-Haubrich-Kunsthalle, die unters Dach ziehen soll, und dem KVV - zwei der drei Parteien schlechter stellen als zuvor, ist auch dem lachenden Dritten nicht wirklich gedient: Konflikte wären vorprogrammiert und einer kollegialen Zusammenarbeit hinderlich." Und Rossmann fügt hinzu: "...Gisela Völger ist inzwischen.....souverän und offen genug, auf das alte Vorhaben einer gründlichen Restaurierung des angestammten Domizils zuzück zu kommen und dessen Vorzüge zu erkennen. Kunsthalle und KVV würden damit in jedem Fall besser fahren."

Der Kunstverein erhielt von 52 Galerien, Künstlern und Kulturschaffenden in ganz Deutschland sowie der überregionalen Presse große Unterstützung, so dass letztendlich zusammen mit den Architekten doch eine Kompromisslösung gefunden werden musste: den KVV im Erdgeschoss unterzubringen. Mit der Schlagzeile im "Museums-Knatsch - Keiner will den 110-Millionen-Bau", referierte der Express im Juni 1998 die öffentliche Meinung und die so genannten "Zoff-Punkte", die von der KVV und RJM-Leitung vorgebracht worden waren, und zitiert deren Aussage: "Wenn man an die Folgekosten denkt, verliert man den letzten Mut an diesem Bau." Und bei der "Konzeption habe es Managment-versäumnisse gegeben."

Zu der scharfen Kritik nehmen die Politiker zwar Stellung, in dem sie auf eine zukünftige Optimierung seitens der Architekten eingehen, jedoch bleiben sie auf ihrem Standpunkt, dass der Entwurf selbst "von herausragender Qualität" und nur durch die Vielfalt der Ansprüche "verwässert" worden sei. Auf der anderen Seite weisen die Politiker darauf hin, dass alle beteiligten Nutzer Kompromisse eingehen sollten und "erkennen müssten, dass Synergieeffekte erzielt werden. Entstehen solle ein Museum des 21., nicht des 20. Jahrhunderts.

Dieser Widerspruch in der Argumentation ist nicht zu verstehen: Einerseits wird eingestanden, dass der Entwurf großartig sei, wenn man ihn nicht "verwässert" hätte, auf der anderen Seite wird gerade jene "Verwässerung" befürwortet, da man von politischer Seite mittlerweile eingestehen musste, dass einige architektonische Details im Ursprungsentwurf nicht optimal waren. Wie das Museum des 21. Jahrhunderts auf diesen seltsamen Synergieeffekten zwischen völlig heterogenen Instituten aussehen soll, wird nicht erläutert. In einer -Erklärung von SPD und CDU wurde zudem jegliche Kritik der Nutzer, vor allem von RJM und dem Kunstverein (die Kunsthalle hatte ja aufgrund fehlender Leitung von vorne herein keinerlei Lobby) mit dem Kommentar abgetan, dass diese Debatte über eine räumlich adäquate Unterbringung "keineswegs tragisch" (Rüther) sei.

So könnte man mit Udo Kittelmanns Interviewaussage aus der WEZ resümieren: "Es ist bitter, dass die Politiker nicht begreifen, dass wir unsere kulturelle Zukunft verspielen. Sollen wir denn nur noch eine leere Event-Kultur haben?"

 

6. Zur finanziellen Situation

Der Neubau des RJM am Neumarkt sollte zuerst 110 Millionen DM kosten. Im Kölner Stadt-Anzeiger von Februar 2000 wird dann aufgrund einer größeren Nutzfläche auf 10.000 Quadratmeter vergrößern, was einen Mehrkostenaufwand von 11,4 Mio. DM bedeutet. Manfred Biciste (SPD, mittlerweile zurückgetreten) meinte, diese Mehrkosten seien "kein Pappenstiel". Richard Blömer (CDU) ging jedoch davon aus, dass sich die Stadt die Finanzierung insgesamt leisten könne. Im Juni 2001 wurde in einer der kürzesten Sitzungen (5 Minuten) von drei Kölner Ratsausschüssen der Tagesordnungspunkt der Finanzierung des RJM-Neubaus ohne Aussprache verabschiedet: "Die Gesamtkosten sollen 120 Mio. DM nicht übersteigen, wobei Landeszuschüsse von insgesamt 47 Mio. DM erwartet werden (37 Mio. Museums-, 10 Mio. Städtebauförderung). Die Mittel sollen in drei Raten zwischen 2002 und 2005 abgerufen werden. Die Stadt muss 73 Mio. DM aufbringen" (KStA)
Einen Monat später bereits wird von der Verwaltung im Finanzausschuss bestätigt, dass die Stadt zwischen 2002 und 2004 (ein Jahr weniger!) den Finanzrahmen um knapp 12 Mio. DM überschreiten wird. Als Gründe werden geringere Landesmittel angegeben. Die Stadt suche jetzt nach weiteren finanziellen Einsparmöglichkeiten, laut Heinz Lüttgen (SPD). Und das Rechnungsprüfungsamt weist auf weitere finanzielle Risiken hin, die durch Altlasten und historische Funde die Baukosten in die Höhe treiben können. Bei der gesamten Kalkulation wurde nicht einmal die Höhe der Folgekosten benannt, welche mit Sicherheit anfallen werden, unter anderem weil die Kunsthalle zum Beispiel auch wieder bespielt werden muss.

In gewisser Weise sind die genauen Kosten bis heute nicht festzulegen, auch nicht, wieviel bei der Planungsmodifizierung und Zeitverzögerung seit 1996 von städtischer Seite zusätzlich ausgegeben wurde. Marie Hüllenkremer äußerte noch im Frühjahr 2002, dass ein Neubau kostengünstiger sei als eine Sanierung von RJM und der Kunsthalle. Eine Aussage, die höchst fragwürdig ist und von fachlicher Seite mehrfach widerlegt wurde. Allein die mehreren hundert Parkplätze unter dem Josef-Haubrich-Forum kosten bei Abriss die Stadt pro Platz ca. DM 30.000. Ein weiteres Argument der Kulturdezernentin war, dass es bei Umbauten nicht so umfangreiche Landesmittel gäbe. Dem ist zu widersprechen. Es gibt sehr wohl auch Finanzzuschüsse für Umbauten, insbesondere, wenn diese den Zuschuss für den Neubau unterschreiten.

Außerdem muss sich die Stadt den Vorwurf der unterlassenen Pflege des Areals und der Gebäude von RJM und Kunsthalle gefallen lassen. Gisela Völger äußerte 2000 in einem Interview auf die Frage der Redakteurin Amine Haase im KStA, wie es um den Neubau stehe: "Die Genese reicht 20 Jahre zurück...Wir hatten ganz klare Zielvorstellungen, nämlich das Museum umzubauen....wenn wir jetzt ganz konsequent die Ärmel hochkrempeln und Erfolge vorweisen können, dann wird es uns gelingen, in 3 Jahren das Haus umzubauen. Die Reaktion der Politiker war aber ganz anders, nämlich: Wenn die so gut wirtschaften in dem Haus, dann braucht eigentlich nichts zu geschehen."

Die Kölnische Rundschau konstatierte im Juni 1998: "Die Alternative - Sanierung und Ausbau des alten Völkerkundemuseums am Ubierring - wird nicht diskutiert. Die kleine Lösung, wie sie das RJM allerdings nur für den Fall favorisiert, dass wirklich kein gemeinsamer Weg mit den Architekten gefunden werden kann, lehnen die Fraktionen ab."

Und Amine Haase fasste in einem Kommentar zu den Neubauplänen "Überdenken" im Mai 1998 prägnant zusammen und brachte damit die Situation auf den Punkt: "Der zweifache Kunstauftritt am Neumarkt, in der Kunsthalle und im Kölnischen Kunstverein, ist nicht nur eine Freude für alle Kölner Ausstellungsfreunde, sondern auch ein Signal an diejenigen, die sich für die Kunst in dieser Stadt verantwortlich fühlen. Beweist er doch, wie gut die Räume für die Präsentation von Kunst geeignet sind - und zwar sowohl die des Kunstvereins als auch die der Kunsthalle...Keiner der künftigen 'Hausherren' ist glücklich über die Architektur...Warum also sollte die Stadt Köln einen teuren Neubau hinter den Neumarkt stellen, wenn er in Fachkreisen als kaum praktikabel erscheint, und noch dazu zwei bestens benutzbare Häuser zerstören? Denn die Kunsthalle und der Kunstverein müßten bei einer Realisierung der Neubaupläne abgerissen werden. Das klingt schon ziemlich nach Schilda - besonders wenn man den sonst stets als erstes Gebot herangezogenen 'Kostenfaktor' berücksichtigt. Die Grunderneuerung des RJM am Ubierring, die Sanierung der Kunsthalle, ein paar Retuschen am Kunstverein und erweiternde Veränderungen am Schnütgen-Museum würden längst nicht so viel kosten wie ein Neubau...Am Neumarkt würde ein jahrzentelang bewährtes Kunst-Zentrum nicht zerschlagen, sondern wiederbelebt. Und die Lage des Völkerkundemuseums in der Südstadt ist inzwischen ja längst nicht mehr eine isolierte; außerdem könnte so der einzige in Köln erhaltene Museumsbau der Vorkriegszeit als Museum erhalten bleiben. Warum also sollte man einen schon in der Planung sich als problematisch abzeichnenden Neubau errichten? Das Versprechen, dam RJM vor dem WRM einen Neubau zu errichten, ist doch schon längst gebrochen. Jetzt sollten Logik, praktisches Denken und die Liebe zur Kunst walten. Und all das führt zum Erhalt bewährter Kunststätten, ihrer Pflege und Erweiterung"

Ungeheuerlich und verschwenderisch mutet die unnachgiebige Haltung der Stadt an, die sowohl die Kommentare von fachlicher Seite ignoriert als auch finanzielle Mehrkosten einfach so in Kauf nimmt, als gäbe es keinerlei finanzielle Engpässe. Im Gegenteil bezieht sie zu ihre jahrelangen Versäumnisse am Josef-Haubrich-Forum und dem RJM keinerlei Stellung und sucht mit Scheinargumenten anstehenden Renovierungen zu entgehen. Eine baldige Lösung für die Unterbringung des RJM zu finden ist von höchster Dringlichkeit, aber auch 2002 wenig vor einem bevorstehenden Abriss und Baubeginn wäre eine Renovierung des RJM und vernünftige Depotauslagerung immer noch die konsequentere und zeitsparendere Lösung - denn bis der Neubau fertiggestellt sein wird, werden noch Jahre vergehen. Auch bei der Kunsthalle fielen nur partielle Sanierungen an, die sowohl finanziell als auch zeitlich weniger aufwändige Lösung bedeuteten. Darüber hinaus zeugt es von einer großen Arroganz von Seiten derjenigen, die den Neubau nach so viel Widrigkeiten noch favorisieren, einen 30 Jahre zuvor erstellten Bau wie eine baufällige Ruine, der er nicht ist, abreissen zu wollen und ihn durch einen architektonisch weniger relevanten zu ersetzen.

 

7. Kunsthallenschwund?

Die Ignoranz der Stadt dem Josef-Haubrich-Komplex gegenüber und seiner Funktion äußerte sich nicht zuletzt in der vom damaligen Kultursprecher der SPD, Biciste, formulierten Aussage im Jahr 2000, dass die Kunsthalle als Schaufenster der Museen, wie früher mal konzipiert, nicht mehr benötigt werde, da die einzelnen Museen über ausreichend Ausstellungsfläche verfügten. Diese Aussage zeugt von einer Unkenntnis der Ausstellungssituation der einzelnen Museen, denn kürzlich wurde dies schon in Frage gestellt, da für bestimmte Architekturausstellungen mit einer Vielzahl an Entwürfen und Modellen im Museum für Angewandte Kunst zum Beispiel keine ausreichenden Räumlichkeiten zur Verfügung ständen. Peter Sörries von den Grünen ging im Kulturausschuss sogar noch einen Schritt weiter: Die Kunsthalle sei nur ein Teil des Kulturzentrums, was ein Konzept erfordere, das Museum und Kunsthalle einschließe. Also bedeutet dies, dass die Kunsthalle als Institution nur noch im Verbund mit einem kunsthistorisch völlig anders ausgerichteten Institut existieren kann?