Initiative Haubrich-Forum too late Das Loch European Kunsthalle

Zeitung 2010 Auszug

Juli 2003. Die Initiative veröffentlicht 2010, eine Publikation über die Politiken und Praktiken, anhand derer wir unsere Stadt hervorbringen. 2010 ist ein Diskurs über den bürgerschaftlichen Einspruch, über die Möglichkeiten der außerparlamentarischen Teilhabe am Gestaltungsprozess des Urbanen, des kulturellen und öffentlichen Lebens. 2010 stellt die Maßstäbe und Parameter von städtebaulicher und kultureller Entwicklung in Köln zur Diskussion, exemplarisch und konkret anhand eines alternatives Konzepts für die städtebauliche Entwicklung des Geländes am ehemaligen Josef-Haubrich-Forum. Der Diskurs zeitgenössischer Kunst wird als Kompetenz in die Konzeptentwicklung einbezogen. Ein zentraler Baustein des Konzepts ist die Neuformulierung einer Kunsthalle Köln mit europäischer Struktur. (Siehe auch: Zeitung 2004)

Köln braucht eine Kunsthalle

Sicherlich beginnt das kulturelle Leben einer Stadt erst dort, wo es zur Auseinandersetzung einer breiten Öffentlichkeit mit der lokalen Kunstszene und mit internationalen ästhetischen Fragestellungen kommt, wo die Kunst soziale Verhältnisse, Methoden der Aneignung und der Meinungsbildung offenlegt, so dass sich daraus neue und gegenläufige Interventionsmöglichkeiten im Alltag ergeben. Eine Kunsthalle ermöglicht diese Art des Dialogs durch Ausstellungen zu aktuellen gesellschaftlichen und künstlerischen Themen, welche die Museen mit ihren Sammlungen nicht leisten können. Ein solcher Ort für die Auseinandersetzung mit sozialen Prozessen scheint gerade in einer Zeit, in der ökonomische Probleme dazu führen, dass demokratische Handlungsräume aufgegeben werden, unbedingt Not zu tun. Deshalb braucht Köln eine neue Kunsthalle!

In den Jahren nach ihrer Eröffnung 1967 stellte die Josef Haubrich Kunsthalle beispielhaft eine solche kommunikationsoffene Institution dar. In den Happenings und Fluxus-Aktionen von Vostell, Beuys und vielen anderen, der Ausstellung "Jetzt" sowie den Performances der Wiener Aktionisten wurde die Kunsthalle zum Ort der Produktion mit einer kritisch konzeptionellen Ausrichtung. Das nun an ihrer Stelle klaffende Bauloch - ein Symbol für das Scheitern demokratischer Prozesse, für die mangelnde Selbstkritik der Agierenden - ist prädestiniert, die Frage nach öffentlichem Raum neu zu stellen.

Wir haben es in unseren Städten heute mit diversen Öffentlichkeiten zu tun, die nicht durch Blockbuster-Ausstellungen zu erreichen sind, sondern dadurch, dass divergierende Interessen angesprochen werden und marginalisierte Öffentlichkeiten angesprochen werden. Es ist an der Zeit, der spartenübergreifenden Arbeit, die in der freien Szene Kölns seit den 60er Jahren Tradition hat, einen institutionellen Raum zu geben. Wie könnte man dieses Ziel besser erreichen als durch Projekte zu aktuellen Themen, welche die Querverbindungen zwischen Kunst, Musik, Popkultur, Geschichte, Architektur, zwischen Theater, Film und Politik befragen? Auch neue Orte der Öffentlichkeit wie Fernsehen, Radio, Internet, die städtischen Verkehrswege, Konsum- und Geschäftszonen sind in diese Praxis als Handlungsräume einzubeziehen. So kann eine neue Kunsthalle wieder zu einem Ort der Kultur werden, der sich immer wieder selbst in Frage stellt und neu gestaltet. In diesem Sinne liegt es nahe, dem momentanen Impuls der Kölner Kunstszene zu folgen und das Loch für eine temporäre Nutzung freizugeben, beispielsweise einen Container zu installieren, in dem die Kunsthalle ihre Arbeit experimentell aufnehmen und die Bedeutung des Ortes im städtischen Leben lebendig halten kann.

 

Eine europäische Kunsthalle

Eine Kunsthalle, die eine Politik des Nichtidentischen, eine Politik des Diversen verfolgt, wird mit dieser Praxis nicht nur international agieren, sondern einen strukturellen Bezug zu Europa als ihrem erweiterten Arbeitsfeld herstellen. Eine kulturwissenschaftlich versierte Leitung wird Kuratoren, Wissenschaftler oder Künstler aus dem europäischen Ausland einladen, um vor Ort und in direkter Zusammenarbeit mit hiesigen wissenschaftlichen Institutionen (Universität, Kunsthochschule für Medien, Institute) ein Projekt zu entwickeln. Europa wird hier also als heterogener Raum verstanden, aus dem Kuratoren momentane Erscheinungen und Aspekte aufgreifen, die über die eigenen Zusammenhänge hinausweisen. Die Kunsthalle wird zum Ort, an dem Diskurse und künstlerische Praktiken vorgestellt werden, die außerhalb des unmittelbaren lokalen Umfelds verhandelt werden, deshalb aber nicht weniger relevant sind. Der Austausch zwischen den europäischen Ländern im wissenschaftlichen und kulturellen Bereich kann zusätzlich durch die Einrichtung eines themenbezogenen Stipendiums für Künstler und Wissenschaftler belebt werden.

Die institutionalisierte Zusammenarbeit der Kunsthalle mit internationalen Kuratoren und Wissenschaftlern einerseits und wissenschaftlichen Institutionen in Köln und Umgebung andererseits könnte einen internationalen Standard setzen, der signalisiert, dass Köln die Bedeutung wissenschaftlicher Spezialisierung für die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung erkennt und ihr ein entsprechendes Podium einrichtet. Zur intensiven Vorbereitung eigener Vorhaben und zur Sicherstellung ihrer finanziellen Tragbarkeit können die Projekte mit europäischen Partnerinstitutionen entwickelt und ausgetauscht werden.

Für diese wissenschaftliche Ausrichtung ist eine direkte architektonische Verbindung von Museumsbibliothek und Stadtbibliothek wünschenswert. Die Nachbarschaft der VHS öffnet das Feld zur Vermittlung. Hier sind zudem Kooperation möglich, die zu besseren Serviceleistungen führen werden Die Einbindung weiterer Institute ist denkbar; etwa das Zentralarchiv des deutschen Kunsthandels, das historische und heimatlose Studio für elektronische Musik. So kann in der Synergie der zum großen Teil gefährdeten Institute eine neue, kräftige Struktur mit internationaler Strahlkraft entstehen, ein Forschungszentrum für moderne und zeitgenössische Kunst und Kultur.

 

Einbettung in den urbanen Raum

Als Gebäude mit einer flexiblen Raumgestaltung wird eine neue Kunsthalle - im Gegensatz zum Kunstverein in der "Brücke" - nicht nur raumgreifende Installationen ermöglichen, sondern auch für Workshops, Symposien und kleine Konzerte nutzbar sein. (Es sei hier angemerkt, dass wir eine auch räumliche Partnerschaft von Kunsthalle und Kunstverein nach wie vor als sinnvoll erachten.) Um die Kunsthalle als einen Ort der Produktion und des Kontakts zu etablieren, wird sie städtebauliche und politische Ideale wie die Verschränkung von Arbeit und Wohnen wieder aufgreifen, indem hier temporäre Wohnmöglichkeiten für Gastkuratoren, Künstler und Stipendiaten eingerichtet werden.

Die Anschlussfähigkeit an das städtische Leben, an den Alltag ihrer potenziellen Besucher wird von entscheidender Bedeutung für die Arbeit der neuen Kunsthalle sein. Dafür ist nicht nur ein konzeptionelles Ausstellungsprogramm notwendig, das zwischen den Interessen zu vermitteln weiß. Auch als Gebäude muss sich die Kunsthalle aus ihrer spezialisierten Nische heraus bewegen und mit dem Umfeld verweben. Nicht als architektonischer Solitär, dessen noch so breiter Eingang für viele eine Barriere bleibt, sondern in der Einbettung in das urbane Leben findet die Kunsthalle ihre bauliche Form.

Die städtische Öffentlichkeit der 60er Jahre mit ihrer besonderen Stimmung aus Aufbruch, Experiment und Protest lässt sich nicht wiederherstellen. Öffentlichkeiten, die Kräfte ihrer Selbsterzeugung und das Verständnis von ihnen sind dynamisch, sie gehen über jede Nostalgie und Festschreibung hinweg. Ihre heutigen, scheinbar entpolitisierten, konsumistischen Erscheinungsformen rufen bei jenen, die mit ihr umzugehen haben, Hilflosigkeit hervor. Öffentlichkeit wird folglich nur noch als Publikum, als Quote und Zielgruppe thematisiert. Auch Museen und Orte der Kunst und Kultur arbeiten in ihrer Annahme dieser Parameter der Tendenz zu. Zugleich wissen alle, dass es darum geht, die Entwicklung der Segregation aufzuhalten und umzukehren, denn der Verfall des Öffentlichen findet zuerst in den Köpfen und dann in den Städten statt. Eine neue Kunsthalle für Köln kann kaum anderswo als hier ihre Aufgabe finden: in der offensiven Arbeit am Verständnis und Zustand des Öffentlichen. Diese Verpflichtung ist das Naheliegende, was sie aus der Geschichte des Josef-Haubrich-Forums mitzunehmen und weiterzudenken hat.

 

Finanzierung

Der Einwand, die Stadt Köln könne sich eine Kunsthalle nicht mehr leisten, ist bekannt und nur unter den Gesichtspunkten einer kameralistischen Haushaltsführung relevant. Die Finanzierung der Erstellung und des Betriebs einer Europäischen Kunsthalle Köln muss von Anfang an andere Wege gehen. Es werden mehrere Bausteine zusammengefügt. Zum einen wird die Stadt nicht aus ihrer Mitverantwortung entlassen, zum andern werden ihr neue Möglichkeiten eröffnet, diese Verantwortung zu tragen.

Voraussetzung aller Überlegungen ist erstens, dass die Kunsthalle eine Wirtschaftsform erhält, die es ihr ermöglicht, mit ihrem Budget und den von ihr erwirtschafteten und eingeworbenen Geldern eigenverantwortlich umzugehen. Zweitens tritt die Stadt als Grundstückseignerin auf, die den wertvollen Grund (der uns allen gehört) nicht verkauft, sondern in das städtebauliche Projekt mit einbringt. So wird die Stadt Partner der Projektentwicklungs- und Betreibergesellschaft. Sie ist damit nicht nur an der Vermarktung und den Renditen des Unternehmens beteiligt, sondern auch an der Wertsteigerung des nach wie vor städtischen Areals.

Die Erstellungskosten der Kunsthalle sind Teil der Gesamtinvestitionen für das "neue forum köln", die privatwirtschaftlich aufgebracht werden. Für einzelne Nutzungen, infrastrukturelle Maßnahmen und städtebauliche Effekte können zudem Fördermittel des Landes abgerufen werden.

Die Betriebskosten der Kunsthalle werden über ein städtisches Budget abgesichert. Die Kunsthalle erzeugt einen kulturellen Mehrwert für die Stadt, der substantiell und nicht verhandelbar ist. Dafür sichert die Stadt die Basisfinanzierung der Betriebs- und Personalkosten der Kunsthalle. Die Stadt erwirtschaftet dieses Geld aus ihrer Beteiligung an der intensiven Vermarktung des "neuen forum köln".

Der Ausstellungsetat wird - neben den Einnahmen aus den überaus erfolgreichen Ausstellungen und Dienstleistungen wie Medienpartnerschaften, Shop, Club, Café - über die Kombination unterschiedlicher Fördermittel und projektbezogener Partner aus der Wirtschaft sowie auf europäischer Ebene abgesichert. Einmal hat die Betreibergesellschaft des "neuen forum köln" unter dem Aspekt der kulturellen Differenzierung des Standorts ein virulentes Interesse an der Arbeit der Kunsthalle und wird über einen langfristigen Fördervertrag gebunden. Dann lassen sich über die wissenschaftlichen Partnerprojekte Mittel des Landes abrufen und projektbezogene Sponsoren einbinden. Und schließlich soll die europäische Verankerung über langfristige Projekte mit europäischen Partnern kalkulierbare Mittel einbringen. Sicherlich braucht die Kunsthalle ein Management, das sie als inhaltliche Position im lokalen wie internationalen Kontext zu etablieren vermag und das sich auf dem Terrain der Drittmittel, der Förderprogramme und freien Finanzierungen geschickt, erfinderisch und kenntnisreich zu bewegen weiß.